DESCRIPTIONIBUS

 

Descriptionibus, dieses schöne Wort, das wie ein Zauberspruch klingt, heißt auf Deutsch: Aufzeichnungen. „Aufzeichnungen“ ist der Titel einer Reihe von Monotypien, die Eberhard Hartwig hier in der Kirche zum ersten Mal zeigt. Jede zeigt ein Bibelzitat in verschiedenen Sprachen.

Zwar hat das lateinische Wort „Descriptionibus“ diesen geheimnisvollen Zauber-Sound, doch es besitzt nicht die schöne Präzision des deutschen Begriffs, der auf die Verbindung zwischen Schreiben und Zeichnen verweist. Gewöhnlich assoziieren wir mit dem Wort „Aufzeichnung“ keine Zeichnung, sondern Mitschriften, Notizen, Chroniken. Wir denken eher an konkrete Informationen.

Die „Aufzeichnungen“ und die „Briefe“, das sind die großen Arbeiten, die frei von der Empore schweben, nennt Eberhard Hartwig Scripturale.

Die Erforschung des Phänomens Schrift zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk des Künstlers, der den Beruf des Schriftsetzers erlernte und sein ganzes Berufsleben darin verbrachte. Es ist ein Beruf, den es inzwischen gar nicht mehr gibt. Eberhard Hartwig hat ihn noch ausgeübt und zwar vom Blei- bis zum digitalen Satz. Über seine künstlerische Arbeit sagt er: „Zeichnen, Malen und in AUFZEICHNUNGEN „schreiben“ ist für mich eine unmittelbare Lebensäußerung, eine Widerspiegelung der Außenwelt sowie die emotionale, sinnliche Mitteilung meiner selbst, die aus einer Position der Stille, der Zurückgezogenheit und mit vor allem der Verlangsamung – im Widerspruch zu meinen äußeren Lebensrythmen – gegeben wird. Stundenlange meditative Versenkung in den Prozess des Aufzeichnens innerer, einstmals abgespeicherter Schrift- und Bilder. Zeile für Zeile. Im Rhythmus des Eintunkens der Rohrfeder…“ Das Meditative liegt in dieser Wiederholung der immer gleichen Handlung. Das Schreiben eines „Briefes“ wird zum Ritual.

Diese langen pergamentähnlichen Bilder erinnern an alte Schriftrollen, an die Funde der biblischen Schriften in einer Höhle am Toten Meer.

Falls sie schon vor diesen „Briefen“ gestanden oder daran vorbeigegangen sind, wird Ihnen der aromatische Duft aufgefallen sein, den sie verströmen. Er rührt von den Ölen, mit denen Eberhard Hartwig das Papier behandelt hat, bevor er mit Tusche und Feder die Zeilen gezogen und diese kleinen schwarzen Zeichen, die ein bisschen an die mesopotamische Keilschrift erinnern, darauf schrieb.

Die Arbeit eines Bleisetzers hatte ja auch etwas Meditatives wie jede Arbeit, in der Handgriffe hochkonzentriert wiederholt werden.

Als Schriftsetzer war Eberhard Hartwig ständig mit dem Regelwerk der Sprache und den Gesetzen der Typografie konfrontiert, dessen unerbittliche Strenge etwas Heiliges haben. Auch die Abschreiber der Heiligen Schriften durften sich nicht den geringsten Fehler erlauben.

In seiner freien Arbeit, in den Scripturalen, tritt dieser Aspekt der Schrift, der mit reiner Information zu tun hat, zurück. Stattdessen führt Eberhard Hartwig uns zu einem anderen Aspekt, der mit dem Prozess des AufZEICHNENs zu tun hat und an die Grenze von Schrift und Bild führt, weg von der Lesbarkeit, die eine Kenntnis der Schriftzeichen voraussetzt (einstmals war das ein Privileg) hin zur freien Interpretation, die das Bild erlaubt.

Die „Briefe“ bestehen nicht aus Buchstaben, auch wenn wir die parallel verlaufenden Linien sofort als Zeilen interpretieren, weil die darauf tanzenden Zeichen an Schrift erinnern.

Das ist ein ganz natürlicher Vorgang. Wenn wir etwas betrachten, suchen wir das Bekannte, Vertraute. Und diese Linien- und Zeichenstruktur ruft in uns sofort die Erinnerung an Schrift auf. Obwohl kein Mensch dieser Welt die Schriftzeichen in Eberhard Hartwigs „Briefen“ lesen kann -es ist auch kein Geheimcode darin verborgen- trifft er doch immer wieder auf Menschen, die darin Worte, Sätze, eine Sprache entdecken.

Alles ist eine Frage der Wahrnehmung.

Auf dieser schmalen Wahrnehmungs-Grenze zwischen Schrift und Bild spielt der Künstler mit den Bedeutungen, nicht nur der Zeichen, die lesbar sind oder nicht, sondern auch mit der Wertigkeit von Schriftstücken.

Wenn die künstlerische Suche, das Spiel mit Form, Farbe und Material Grundlage der „Lebensäußerungen“ wird, reicht ein Beruf nicht aus. Eberhard Hartwig halbierte sein Einkommen, um mehr Zeit in seinem Atelier verbringen zu können. Ganz ohne akademische Ausbildung hat er ein unverwechselbares Werk aus Gemälden, Zeichnungen, auch Plastiken, vor allem aber Druckgrafiken, erschaffen und das geht immer so weiter.

In den Achtzigerjahren besuchte er Pleinairs bei Michael Hegewald, Achim Niemann, Wulf Sailer u.a. Ein wichtiger Lehrer war Wolfgang Leber, dessen Grafik-Studio er regelmäßig aufsuchte. Zu Beginn der Neunzigerjahre begann Eberhard Hartwig, eine eigene Druck-Werkstatt aufzubauen. Das Druckgrafik-Atelier in der Dietrich-Bonhoeffer-Straße im Prenzlauer Berg ist aus der Kunstszene Berlins nicht mehr wegzudenken. Es ist ein Hotspot. Künstler aus der Stadt und vom Land kommen dorthin, um Lithografien, Radierungen, Linol-, Holzschnitte und Bücher zu drucken. Die Werkstatt ist zudem Schule und Ausstellungsort. Eberhard Hartwig vermittelt in Workshops das Handwerk der verschiedensten Drucktechniken an Erwachsene und Kinder und stellt regelmäßig Arbeiten anderer Künstler aus. Seine eigenen Werke sind dort natürlich auch zu besichtigen. Sie füllen zig Mappen und ziemlich viele Schränke -ich habe nicht gezählt-. Er ist ein unermüdlich Forschender, Reisender und Verbindungsuchender. Bei der Betrachtung auch älterer Arbeiten fällt auf, dass die Schrift, der Satz, das Zeichen lange schon Thema seiner künstlerischen Suche sind, neben den Landschaften und abstrakten Arbeiten. In den kleinen Arbeiten im Foyer und im hinteren Raum können Sie studieren, wie sich Landschaft zu Struktur, Struktur zu Zeichen abstrahiert. Er beschäftigt sich nicht nur mit den ersten Bilder- und Piktogramm-Schriften aus Ägypten, Mesopotamien, der arabischen Welt und China und den Alphabeten indigener Völker. Er sammelt auch Notizzettel vom Bürgersteig und liegen gelassene Einkaufszettel aus Einkaufswagen, nimmt sie mit ins Atelier. Einige davon schaffen es in die Druckpresse. Er transformiert diese kleinen, teilweise unleserlichen und unverständlichen, banalen Botschaften von zu besorgenden Alltagsdingen wie einem Rasenmäher beispielsweise, über den Vorgang des Druckens in eine endgültige Form.

Auch in dieser Auseinandersetzung geht es weniger um die Inhalte der Notizen. Es geht um die Reste unserer handschriftlichen Äußerungen, die letzten Schriftbilder unserer Kultur, um das durch die Hand erzeugte Bild. Handschriften geben Auskunft über Emotionen. Sie erzählen etwas über den Zustand des Schreibers, über sein Alter, seine Herkunft möglicherweise. Anders als in einer mithilfe des Rechners geschriebener Botschaft verschmilzt in der Handschrift die kollektive Vereinbarung der Sprache mit der Individualität eines einzelnen Menschen. Das kann zu Verständnisproblemen führen, weil das Schriftbild über die Schrift hinausgeht. Es bedient sich der Schrift nur, absorbiert sie in eine momentane Lebensäußerung.

Der Rechner bügelt die Individualität glatt. Nichts muss dechiffriert, kein Rätsel mehr gelöst werden. Durchaus vorteilhaft. „Der Rechner macht keinen Fehler“. Vielleicht kennen Sie diesen Satz. Ich höre ihn immer dann, wenn mir jemand beweisen will, dass ich mich geirrt habe und ich das kaum glauben kann. Aber ja. Ich habe mich geirrt. Ich habe einen Fehler gemacht.

In diesen Arbeiten, die hier im Rund der Kirche hängen, schwingt das alles mit: Unsere fabelhafte Fehlerhaftigkeit, die Unlogik unseres Seins, im Sinne von: schwer in Worte zu fassen! Unsere banale und heilige Existenz, die doch ein Bild ergibt. Oder viele, sehr unterschiedliche Bilder, die dazu auch noch verschieden interpretiert werden. Langweilig wird das nicht.

Ich wünsche Ihnen nun viel Vergnügen und Genuss beim Rundgang durch die Aufzeichnungen von Eberhard Hartwig.

Kathrin Schrader, 16. November 2018, Eröffnungsrede für Eberhard Hartwig

zur Eröffnung der Ausstellung „Descriptionibus“ in der Kirche am Tempelhofer Feld am 16. November 2018

Texte

 

„Archiv – Streng geheim! . Skriptuale Malerei und Graphik

Als ich mich mit dem Thema der Ausstellung beschäftig habe, hatte ich das Gefühl, dass ich mich auf einer Weltreise befinde. Ich möchte sie Ihnen beschreiben. Auf dieser Reise kamen immer mehr Fragen und immer mehr Gedanken auf und die größte Frage, bevor ich den Text verfasst habe war: wo fange ich eigentlich an?

Ob durch Keilschriften, Hieroglyphen, Buchstaben oder Chinesische Kalligrafie oder aber Sprachnotizen, Tagebücher, Plakate, Lehrbücher, oder Briefe und Notizen: seit mehr als 6000 Jahren zeichnet der Mensch sein Wissen auf, kommuniziert, archiviert, oder hält es auch als Schriften geheim.

Mit der Erfindung der Schrift fing der größte kulturelle Umbruch der Menschheitsgeschichte an. Mit der Sprache wachsen wir in unsere Kultur hinein, gelangen zu neuem Wissen und lernen unsere Werte kennen, wir finden Zusammenhänge und schaffen durch die persönliche Interpretation und durch fachliche Auslegung in der Welt des Gelesenen einen kulturellen Sinn zu erkennen.

Ausgangspunkt dieser Einsicht gegenüber der Schrift ist die Tatsache, dass unsere Kultur aus einem System von Zeichen besteht – als ein beständiger und geordneter Verbindungsweg zwischen dem Verfasser mit seinen Erfahrungen und dem Leser mit seinen Bedürfnissen nach Wissen.

Im heutigen digitalen Zeitalter wird die Schrift beziehungsweise das Wort in Datenbanken aufbewahrt, die nach bestimmten Kriterien bearbeitet und abgefragt werden. Wir stellen uns berechtigte Fragen nach der Standardisierung und Entindividualisierung des Menschen in Verbindung mit der Digitalisierung unserer Daten.

Eberhard Hartwig präsentiert in den Räumen des Museums eine Installation, welche aus diversen Schriftbahnen mit horizontal verfassten Strichzeichen entsteht, die auf einem Malgrund mit Tusche aufgetragen sind und die Struktur antiker Papyrus- und Pergament-Schriftrollen ins Gedächtnis rufen möchten. Der Text besteht aus rhythmisch verlaufenden Schriftzeichen. Die gleichmäßigen unterstrichenen Reihen einer undefinierbaren Sprache rücken das Lesen und Verstehen erstmal in den Hintergrund.

Die 325 cm hohen und 133 cm breiten Schriftblätter mit dem Titel „Briefe“ bilden zusammen einen begehbaren Raum der Betrachtung. Der zugängliche Raum innerhalb des Raumes fördert die Teilnahme des Betrachters, in dem man durch den veränderten Raum in die Welt des Geschehens „geschleust“ wird. Das partizipative Element der Installation entsteht zuerst dadurch, dass ein Gefühl des Betretens in einen Raum entsteht, wo der „Besucher“ aus der Realität des umgebenden Raumes der Galerie isoliert wird. Andererseits verwandelt sich im Moment der Verzauberung dieser Raum in eine theatralisch und affektiert wirkende Umgebung des Unbekannten.

Die künstlerische Aussage wird durch rätselhaftes Suchen abgefragt um die Schriftzeichen zu entschlüsseln.

In seiner Installation eröffnet sich der Raum wie eine außergewöhnliche Szenerie, die den Eindruck vermittelt, man befände sich in einer Reihe von Ereignissen, oder man stünde wie vor einer geheimnisvollen Weltkarte der Kulturgeschichte.

Nun, es war einmal in Bagdad…. als nämlich im Jahr 825 die bekannte Bibliothek „Haus der Weisheit“ gegründet wurde. Sie zog Forscher aus dem ganzen Land an, unabhängig davon, welcher Nationalität die Forscher angehörten, oder ob sie Muslime, Christen, oder Juden waren. Sie beschäftigten sich nicht nur mit der Übersetzung der Schriften des antiken Griechenland, sondern auch mit eigenen neuen wissenschaftlichen Entdeckungen.

Zu den bekanntesten Wissenschaftlern der Bibliothek gehörte Ibn Sina, oder auf Latein als Avicenna mehr bekannt (980–1037). Er schrieb mehr als 400 Bücher und Aufsätze zu Physik, Medizin und Mathematik. Sein Kanon der Medizin, der im 12. Jh. ins Lateinische übersetzt wurde, war auch in Europa über sechs Jahrhunderte das Lehrbuch der Mediziner. Nach dem Vorbild dieser Institution wurden später ähnliche Einrichtungen in Nordafrika und Spanien geschaffen.

All dieses Wissen fand über Spanien seinen Weg nach Europa. Dann begann erneut eine Periode intensiver Übersetzungen. Nicht lange danach endete die Erfolgsgeschichte der arabischen Wissenschaft in Bagdad, wo alles angefangen hatte. Die Angriffe der Mongolen im 13. Jahrhundert hatten eine verheerende Zerstörung Bagdads und der Bestände der berühmten Bibliothek „Haus der Weisheit“ zur Folge.

Mit der Anspielung auf die arabische Schrift entführt Eberhard Hartwig den Betrachter wie in einem Märchen aus dem Abendland und lädt uns ein, durch die Geschichte des Wissenstransfers mitzureisen – von Bagdad über Nordafrika und über Spanien nach Europa, auf einen Weg, der mehrere Jahrhunderte gedauert hat. Dabei wechselten die Texte der mehrfach übersetzten Bücher vielmals ihre Sprache und die Schrift. Der Künstler lädt uns ein zu betrachten und die Spannbreite des Dialogs zwischen Wort und Bild zu entdecken.

Beim Gespräch mit Eberhard Hartwig in seinem Atelier hat er mich auch auf die Japanische Schrift aufmerksam gemacht.

Die Textform in der asiatischen Kultur hat eine lange Tradition: die Kalligrafie ist eine hochgeschätzte Kunst, in welcher Tusche, aber auch Aquarellfarben und farbige Tinte eingesetzt werden. Es ist nicht zu übersehen, dass der Künstler diese Bildsprache hervorgehoben hat, weder ist aber die präzise Nachahmung bestimmter Schriftzeichen – weder die Kandji, noch die Harigana – hier deutlich zu erkennen, noch ist die Schreibweise von rechts nach links eindeutig festzustellen. Er lässt die Schrift fließen und lässt den Betrachter weiter rätseln.

Das japanische Wort „Shodo“ wird mit „Weg des Schreibens“ übersetzt. Wie lange das chinesische Schriftsystem seinerseits bereits bestanden hatte, ist nicht belegt. Die ältesten bislang gefundenen Zeichen stammen aus der Zeit um 1400 vor Christus.

Es waren die japanischen Dichter, die im 7. und 8. Jahrhundert aus künstlerischen Beweggründen damit anfingen, die chinesischen Schriftzeichen nur als Lautzeichen zu verwenden und führten Hiragana und Katagana als reformierte Schrift ein.

Eberhard Hartwig hat die Gestik der Hiragana improvisierend nachgeahmt und stellt mittels eines feinsinnigen Ergebnisses in harmonischen Reihen „den Weg des Schreibens“ vor.

Die Dominanz der Interpretation des Textes in seiner Installation bekommt hier eine bezeichnende Rolle, in der die Kraft der Bildlichkeit durch „neutrale Zeichen“ die Grenzen der Sprache durchbricht. Die Installation als Werk verwandelt die Betrachtungsweise, wir sehen die Schrift nicht als Dokument, sondern als Monument und die Schriftzeichen treten wie Symbole in ein sehr spannendes Ensemble. Ich komme auf den Titel „Briefe“ zurück und wage zu vermuten, dass wir vor einem Ensemble inne halten und wie vor Zeugnissen menschlicher Beziehungen einem Hauch Voyeurismus gegenüberstehen.

Geöffnete Briefe, geheime Schrift in geordneten Reihen, Spurensuche und Deutungsansätze: das Archiv mit akkurat gepflegten Reihen und vergilbten Ordnern, makellos gepflegt, sortiert und erfasst, die Welt der Geheimnisse, das Arbeitsgebiet des Suchens. Für Eberhard Hartwig stellt dieser Zustand eine besondere Herausforderung dar, die sich mit dem Thema Macht auseinandersetzt. Wissen ist Macht und das Aufbewahren von Wissen und Geheimnissen gilt als „zentrales Kapital politischer und ökonomischer Macht“.

Hier liegt die größte Originalität der Installation von Eberhard Hartwig: die dargestellten Grenzen zwischen den verschiedenen Kulturen und Epochen, zwischen der künstlerischen, der philosophischen und der geheimen Sprache. Anderseits schaffen es diese imaginären Grenzen, eine fließende Ähnlichkeit zwischen den Epochen und Kulturen wiederherzustellen. In der raffinierten Reihenfolge von Beispielen der Schrift und der Sprache, die über Jahrtausende mehrfache Wechselverhältnisse erfuhr, variieren Elemente der profanen Ikonographie.

Eberhard Hartwig wurde 1957 in Berlin geboren und erhielt seine Erfahrungen mit der Schrift bei der Lehre und der Arbeit als Schriftsetzer und Drucker zwischen 1974 und 1993.

Einen zentralen Platz seiner Installation hat die 60 cm hohe Skulptur aus Porenbeton mit dem Titel „Torso“ erhalten. In die geschwungene abstrakte Form des plastischen Kunstwerks ist eine flache Vertiefung eingearbeitet, in die mehrere Schriftreihen eingemeißelt sind. Als Torso wird (normalerweise) eine figurative Statue bezeichnet, die wegen Zerstörung ohne Gliedmaßen zu sehen ist, also eine verstümmelte Darstellung einer Statue, und so einfach als Teil eines Ganzen zu verstehen ist. Im Kontrast mit den gleichmäßig verlaufenden Reihen der umgebenden Schriftbahnen wirkt die Skulptur etwas fragil.

Das Texttorso erinnert an die Keilschrift, die Schrift der Babylonier und Sumerer. Die ältesten erhaltenen Texte in Keilschrift stammen aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. Als Schriftsetzer lernte Eberhard Hartwig das Handwerk des Buchdrucks und mit diesem Texttorso arrangiert er auf eine stillvolle Weise im Zentrum seiner Installation eine wunderbare Hommage an das Urbild der Schriftsetzung.

Eberhard Hartwig machte eine Ausbildung als Graphiker und gründete 1990 seine eigene Druckwerkstatt für Lithographie, Radierung und Hochdruck in Berlin. Er präsentiert hier in den Räumen des Museums auch einige seiner graphischen Arbeiten in Carborundumdruck und Aquatinta.

In seiner graphischen Arbeit dominieren abstrakte Bildmotive, die durch klare Linien und Formen bestehen und bewusst zwischen Leere und Fülle agieren. Die in seiner Malerei kennzeichnende Methodik des Künstlers ist deutlich zu erkennen: seine künstlerische Aussage provoziert, erfragt und fordert ermutigend den Betrachter auf, in einem zeitlosem Raum eigene Interpretationen wahrzunehmen, die sich bis zur Unendlichkeit fortsetzen können.

Die Skripturale Malerei in Hartwigs Installation ist ein Objekt, dessen Bedeutung aus der besonderen dreidimensionalen Konstruktion, zusammen mit anderen Mitteln der bildenden Kunst, erweitert wird. Als Text-Objekt stellt die Installation die Ehrlichkeit eines offenes Buchs dar. Das große Format der Schriftblätter erlaubt dem Künstler, bei der Arbeit frei mit dem ganzen Körper zu agieren, und dem Betrachter die improvisierte Sprache der visuellen Poesie vollkommen aufzunehmen.

.                                                                                                                               Juliana Hellmundt, Kunsthistorikerin, 28.02.2018


 

Eberhard Hartwig – Maler, Graphiker, Buchgestalter, Drucker, Dozent, Galerist

 

In einer dieser ruhigen, schmalen, kopfsteingepflasterten Querstraßen zwischen der Greifswalder Allee und der Bötzowstraße, parallel zur Danziger Straße im Berliner Prenzlauer Berg befindet sich seit 2005 im Erdgeschoss eines dieser Bürgerhäuser das Druckgraphikatelier Eberhard Hartwig. Man kommt zu den Öffnungszeiten eigentlich nicht vorbei an diesen Räumlichkeiten. Ob man nun schnell oder langsam den Bürgersteig entlang hastet oder schreitet, plötzlich öffnet sich die große Glastür per Bewegungs- oder besser Öffnungsmelder. Fast ein wenig erschrocken, aber auch neugierig blickt man hinein in dieses Refugium aus Werkstatt mit altehrwürdigen Druckpressen, mit gerahmten Graphiken an den Wänden, Schränken voller Bleisätze mit verschiedensten Schrifttypen und Arbeitstischen. Immer mehr Besucher wurden es in den vergangenen Jahren, die nicht nur hineinblickten, sondern eintraten und schauten und wiederkamen und -kommen.

Es ist das Reich des Eberhard Hartwig, 1957 in Berlin geboren. Der gelernte Schriftsetzer und Drucker arbeitete bis 1993 in diesem Beruf als Schweizerdegen. Nebenher und auch danach besuchte er Kurse und Workshops verschiedener Berliner Künstler, wie Michael Hegewald, A. Niemann, Wulf Sailer oder Wolfgang Leber, und bei künstlerischen Druckern, wie Michael Kukutz, studierte in der Künstlerweiterbildung an der Hochschule der Künste. Seit 1991 wirkt er als Dozent an verschiedenen Bildungseinrichtungen und seit 1998 arbeitet er freischaffend als Maler und Graphiker.

 

Das Druckgraphikatelier – Druckwerkstatt – Atelier

Eberhard Hartwig leitete seit 1990 eine seit Ende der 80er Jahre bestehende Werkstatt für künstlerischen Druck im Keller eines Hauses in der Mitte Berlins, erst im Auftrag des Bezirksamtes Mitte, dann der Jugendkunstschule Mitte. Hier wurden Druck- und Zeichenzirkel für den Jugendfreizeit- und Unterrichtsbereich angeboten. Hartwig baute die Werkstatt zielstrebig für den Hoch-, Flach- und Tiefdruck aus. Druckpressen wurden erworben, später durch neuere oder größere ersetzt. Anfang der 90er Jahre kam der Handsatz hinzu, das rein graphische Angebot wurde um den Buchdruck erweitert. Dem gelernten Schriftsetzer und Drucker war die Verbindung von Schrift und Druckgraphik und ihre Verwirklichung in der freien Graphik wichtig, sei es im originalgraphischen Kalender oder im Buchprojekt. 1995 wurde die Edition keller-druck als Eigenverlag gegründet.

1998 kündigte die Jugendkunstschule aus finanziellen Gründen die Werkstatträume und den Werkstattleiter. Mit Pressen und Druckmaterialien übersiedelte Hartwig, und schon im Mai des folgenden Jahres eröffnete er das Druckgraphik-Atelier Hartwig im Prenzlauer Berg. Seitdem werden radierte Kalender verlegt, dazu kommen Buchprojekte, etwa: „Kleine Mitteldeutsche Vogelkunde“, 1995 und 1997 mit Handsatz und Ausfertigung in verschiedenen Materialien; 1996 das Buch „flügel schlag“ mit Holzschnitten von 14 KünstlerInnen und ebenso vielen Gedichten von behinderten DichterInnen im Handsatz, 2000 das Buchobjekt „Nussknacker“ mit einem handgesetzten Gedicht von Johannes Bobrowski und einer Farb-Kaltnadelradierung von Eberhard Hartwig oder 2006 das Buchprojekt „kann“ mit 12 Original-Graphiken und einem Gedicht von Erich Fried im Handsatz.

In dieser Werkstatt können Erwachsene und Kinder, Laien und bildende KünstlerInnen druckgraphische Fertigkeiten erlernen oder vervollständigen. Neben freien Angeboten werden Kurse im Auftrag der Volkshochschule oder des Vereins „Jugend im Museum“ durchgeführt. Bildende KünstlerInnen finden hier Druckmöglichkeiten unter der Anleitung eines Fachmannes. Und sie kommen nicht nur aus Berlin oder dem Umland, sie kommen inzwischen auch von weit her, aus Mexiko oder Brasilien beispielsweise.

Zur Verfügung stehen eine Litho-, zwei Radier-, eine Abzieh-, eine A4-Tiegelpresse und ausgewählte Schriftsätze.

So ist Eberhard Hartwig kein Lohndrucker in dieser seiner Werkstatt, sondern Bewahrer, Vermittler, Drucker in eigenem Auftrag – Bewahrer der alten handwerklichen Drucktechnik in ihrer Technik und ihrer Anwendung, Kunst-Vermittler in Kursen und Workshops mit dieser alten Technik und Drucker für die genannten Bücher, Mappen und Kalender, von Ausstellungsplakaten und natürlich der eigenen druckgraphischen Arbeiten.

 

Galerie – Ausstellungen – Veranstaltungen

Gleichzeitig beheimatet die Druckwerkstatt seit annähernd zwölf Jahren eine Werkstattgalerie mit wechselnden Personal- oder Gruppenausstellungen v.a. professioneller KünstlerInnen. Diese Ausstellungen, die nicht nur deutsche, sondern auch u.a. mexikanische, schweizer, bengalische oder chinesische Druckgraphik zeigen, richten sich nicht nur an ein kunstinteressiertes Publikum, sie sind auch beispielgebende Anregungen für die ElevInnen der Druckwerkstatt. Hier haben inzwischen Künstler, wie Wakilur Rahman, Annemarie Rost, Wolfgang Leber, Michael Hegewald, Günter Blendinger, Elli Graetz, Bernd Friedrich u.a. ausgestellt.

Die Ausstellungseröffnungen bieten dabei nicht nur die obligatorische Laudatio und anregende Musikbeiträge, sondern werden teilweise auch mit Lesungen, Vorträgen zur Kunst, zu druckgraphischen Techniken mit Vorführung verbunden. Sie sind inzwischen zu einem wiederkehrenden Event in dieser Werkstatt geworden mit einem Gewimmel von zahlreichen Besuchern zwischen den alten Druckmaschinen.

 

Der Künstler

Eberhard Hartwig hat sich in den vergangenen Jahren nicht nur als Drucker, Werkstattleiter, Galerist und Herausgeber, sondern auch als bildender Künstler einen Namen gemacht, sowohl als Maler als auch in besonderem Maße als Graphiker. Dabei dominieren auch in seiner Malerei graphische Elemente.

 

In den Mischtechniken auf Leinwand und öfter noch auf Papier, den Collagen mit Übermalungen, den Farblithographien, den Radierungen, Farbradierungen und Monotypien zeigt sich auf den ersten Blick eine scheinbare Unordnung. Farbflächen, die nebeneinanderliegen, sich teilweise durchdringen, welche, die sich bedrohlich, meist von oben, ins Bild schieben, wieder andere farblich hell, zerfasernd, sich auflösend, farblich homogene Flächen stehen neben solchen mit sichtbaren Pinselstrukturen oder wirbelnden Ätzflächen. So erreicht der Künstler eine Räumlichkeit, die, außer in den kleinformatigen Landschaftsradierungen, nicht proportional in die Tiefe geht, sondern nach oben, dem Betrachter entgegen gehoben scheint.

Aber in allen Bildern wird sie spürbar, die sich bemühende ordnende Hand, in der kreativen Zuordnung der Flächen, aber besonders in der oft darübergelegten Zeichnung, sei es nun mit dem Pinselstrich oder den radierten Linien. Diese setzen einen eigenen Akzent, oft aber sollen sie die Flächen konturieren, sie bändigen. Aber Letzteres gelingt ihnen nicht, weil das Liniengebilde scheinbar abgehoben, verrutscht zu sein scheint. In anderen Arbeiten werden gestrichelt strukturierte Flächen horizontal und vertikal gegeneinander gesetzt. Kanten werden so durch Überzeichnungen, Übermalungen oder Überklebungen geläutert.

Es ist eine abbildende Kunst mit mehr oder weniger starken Tendenzen zum Ungegenständlichen, der reale Vorlagen vorausgegangen sind oder Pate gestanden haben, wie die verrätselten, anspielungsreichen Bildtitel verraten. Es sind Bilder, in denen sich gesehene Realität mit eigener Befindlichkeit und kreativer Gestaltungskraft durchdringen, die mit ihren aufgebrochenen, zergliedernden Elementen den Charakter ursprünglicher Chiffren erhalten. Sprachmittel der lyrisch-expressiven Abstraktion finden z.T. Eingang in den Hartwigschen Formenkanon.

Dazu kommt das Prinzip der Reihung, das es in vielen seiner Bilder gibt, die sich in ihrer Abstraktion der Gegenstandslosigkeit nähern. Am deutlichsten wird das in den Graphiken, die von der Ursprungsradierung Regatta ausgehend, hin zu der Gatta- und Ogatta-Folge führen, aber auch in den Blättern von der Reede, die alle von einem Boots- oder Schiffskörper ausgehen, bis hin zur Darstellung der gerollten Heu- und Strohballen, ursprünglich gesehen und in den Motivkanon aufgenommen auf einer Reise in die französische Provence.

Diese Bilder mit ihrer atmosphärischen Stimmung zeichnen sich durch eine Dichte und Tiefe aus, die der Künstler durch wiederholte Überlagerungen, durch in sich verwobene Strukturen und die Verschränkung der Räume erreicht. Offene Formen verzaubern fest Gefügtes.

2003 entstanden die ersten fein geordneten, zutiefst harmonischen skripturalen Sprachblätter in einer ganzen Reihe von Monotypien, uralten Schriftstücken oder musikalischen Partituren gleich, aber von ausgewogener Harmonie und vibrierender Musikalität. In ihrem Charakter des Zusammenwirkens von Zeichen, Linien und leeren Flächen verweisen diese Bilder in eine phantastisch-metaphysische Welt von Ruhe, Bewegung, Rhythmus bis hin zu meditativem Verweilen. Es sind keine direkt lesbaren Texte, aber auch keine verklausulierten oder Geheimschriften, es sind Psychogramme der unaussprechlichen Seiten unseres Ichs.

In gewissem Sinne sind es auch Reihungen in horizontaler Linie von einzelnen Zeichen, in vertikaler Richtung von seitenlanger Zeilenanordnung.

Inzwischen gibt es solche Sprach-Blätter auch als Radierung ausgeführt.

 

Eine weitere Werkgruppe im Oevre des Künstlers sind die kleinformatigen Kaltnadelradierungen von Studienaufenthalten in u.a. Dänemark, Großbritannien, Schweden, Frankreich sowie vom Darß, oder aus dem Oderbruch.

Diesen kleinen Radierungen merkt man förmlich die Freude an der gesehenen Wirklichkeit, an den Landschaftsformationen und Naturformen, an der gewachsenen Un-Ordnung und deren Harmonie an.

Sie sind meist ausgeführt in der Kaltnadeltechnik, jener Technik also, die scheinbar ohne Eleganz und Esprit, dafür spröde und kantig ist. Aber sie ist damit vielleicht die direkteste und ehrlichste in ihrer Sprache. Sie fordert den kräftigen, zupackenden Griff des Künstlers. Linien und Linienstücke formen die Bildmotive. Schraffuren schaffen Flächen, die manchmal wie selbstständig wirkende Partien neben den Formen und Figuren stehen, ästhetische Pendants sind. Es ist eine kantige Figuren- und Formenzeichnung. Diese kleinen Blätter sind sowohl eigenständige Kunstwerke wie auch graphische Skizzen für die im Atelier entstehenden größeren Ätzradierungen, Lithographien und Monotypien.

Dabei ist der Künstler vor der Landschaft ein sensibler bis meditativer Landschaftsdarsteller. In der Stadt aber wird er zum Chronisten, Porträtisten und Bewahrer. Hier sind es meist Einzelmotive, die darstellungswürdig werden: die Straßenlaterne etwa oder der K(anonen)ofen.

Nimmt zwar die Kaltnadelradierung einen wichtigen Platz ein, doch gibt es daneben auch die anderen bildkünstlerischen Techniken der Druckgraphik, nicht selten in experimenteller Kombination. Das Vorhandensein einer Druckwerkstatt scheint oft oder immer zu experimentellem Umgang mit graphischen Techniken anzuregen.

Und immer wieder stößt man im Werk des Künstlers auf diese Besonderheit: Die „Betitelung“. Die Titel sind selbst gefundene Wortspielereien aus dem Motiv oder der topografischen Bezeichnung heraus, oft aus zwei Wörtern bestehend, aber zu einem Wort zusammengefügt. Sie bewegen sich also zwischen tatsächlicher Beschreibung und scheinbarem Nonsens, die sich dem uninformierten Betrachter nur stückweise oder gar nicht erschließen. Hier ist er ein Provokateur. Wie ist es denn: Meist schauen wir doch bei der Betrachtung eines Bildes zuerst auf den Titel und dann auf das Bild, um es zu verstehen. Seine verballhornenden oder verrätselten Titel sollen weiteres Nachdenken provozieren.

.                                                                                                                                                            Volkhard Böhm, 2011, für „Sinn und Form“ (unveröffentlicht)


 

Symbolum. Skripturale Malerei

Eberhard Hartwig stellt Kunst in den Raum, als Objekt der Variation, mehrteilig, einteilig, einseitig, zweiseitig, vielseitig, zwischen figurativ und abstrakt… Die Vielfalt der Wege und Linien, der Dehnungen und Zusammenziehungen, der Geradlinigkeit und Brechungen reizt die Phantasie und führt zu einem gleichnishaften Eindruck einer in die Natur hineingesehenen menschlichen Erfahrung, der Erfahrung der Bewegung, der Turbulenzen ganzer kleiner Welten. In der Linie sieht Hartwig das Gleichnis zum Leben, Schicksal und dessen Verflechtungen. Hieroglyphenartige Zeichenreihen, Kürzel, geometrische wie organische Zeichenkombinationen sind zu ablesbaren Zeilen geführt, deren Sinn erst im Betrachter entstehen muss, durch ein Befragen und Vergleichen dieser Zeichen und ihrer Konfrontierung mit der eigenen Erfahrung. Das Verstehen dieser Zeichen ergibt sich eigentümlich rasch, da ihr Ansatzpunkt im funktionalistischen Bereich liegt, von Gleichgewicht, Balance, Takt, Echo, Tragen, Lasten, Rollen, Schweben handelt, deren mechanischer Nachvollzug in der Meditation unvermittelt in den metaphysischen Bereich führt…
Die Gestaltzeichen, die auch Figürliches assoziieren lassen, bilden ein ganzes Rastersystem, gleichen Erlebnisberichten, erinnern an Notenschriften oder choreographische Aufzeichnungen und verdeutlichen so die Systematik eines Ablaufs… Sinnliches Erleben ist hier verbunden mit mediativem Denken.

.                                    Prof. Dr. Klaus Hammer, Berlin, August 2007, im Faltblatt „AUFZEICHNUNGEN . skripturale Malerei und Graphik von Eberhard Hartwig“


 

Als ich gestern abend in seinen nagelneuen Sprachraum voller hockender, tanzender, auf den Kopf gefallener und nach vorn stürmender Scribentismen trat und es mir schwerfiel, ihn wieder zu verlassen, waren meine Zweifel weggefegt. Kein Tapezie-ren, sondern Auszeichnung des Raumes! Keine kleinen Kritzeleien, sondern ein ganzes Weltenpanorama und inne-res Drama, was er in waagerechten und vertikalen Schriftbändern auf (s) gerollt hat.

Die letzten eineinhalb Monate scheint er wohl für nichts anderes als diese Aufzeichnungen gelebt zuhaben…

Und so entstanden meinerseits über Nacht ein paar Gedanken über

Prozessuale Textbilder – die begehbaren Verständnisräume des Eberhard Hartwig in der Galerie F92

Schon vor einigen Jahren hat der Berliner Schriftsteller Peter Huckauf darauf verwiesen, daß es ein Kommunizieren gebe, das sich den „heutigen zahllosen Krücken einer sogenannten ,Modernen Kommunikationswelt'“ weitgehend entziehe. Diese Hier- und Daseinsform finde einzig und allein in der Begegnung Einzelner ihren verwirklichenden Sinn. So werde sie ganz folgerichtig und zwanglos zu einem Bund von Freien und Gleichen.

Daß Eberhard Hartwig die Beschäftigung mit der eigenen Subjektivität im experimentellen Selbststudium betreibt, habe ich oftmals schon bei Einblicken in seine Produktion und Gesprächen im Atelier gespürt und zu sehen bekom-men. Es ist erst ein gutes halbes Jahr her, daß er seine Erlebnisse wie inneren Zustände in einer zeichenhaft geformten Malerei als sandfarbig schimmernden „Felsbruch“ in der Galerie „100″ öffentlich machte. Nun hat ihn seine empirische Arbeits- und Lebensweise und die darin entwickelte Methode der Eigenbeobachtung mit dem Resultat prozessualer Textbilder endgültig in den Kreis der konzeptuellen visuellen Poeten, eine weltweit sich vernetzende, akribisch-kryptisch forschende Gruppe von Sprachdeutern und -Pflegern, gebracht – ohne, daß sie vielleicht von diesem Zuwachs wissen. Dies ist meine erste Erkenntnis beim Durchwandern dieser Ausstellung in der F92.

Der Künstler hat sie mit „letzte Aufzeichnungen“ überschrieben, das L wohlgemerkt kleingedruckt, weil es nur die Beschreibung der Art dieser Niederschriften meine. In der Tat, sie sind frischen Datums – manche sogar so aktuell, daß Tusche und Leinöl, mit der sie von Hand aufs Papier gebracht und mit allerlei farbigen Flüssigkeiten darauf stabilisiert wurden, bei geöffnetem Fenster (nach Augenzeugenbekunden) schon ein paar Häuser vor der Galerie ihren eigenartigen Duft entfalten. Der Anfangsbuchstabe des folgenden Worts aber muß großgeschrieben sein, sagt Eberhard. Aufzeichnungen, das sei seine wichtigste Botschaft für den Betrachter. Was sachbetont klingt, dominiert und entfaltet sich jedoch in überwältigender Fülle, Differenziertheit und Fragilität: das kalligraphische Moment diese Werke.

Man soll, auch als Redner, Besuchern nichts vorschreiben, doch ich rate, zunächst im Eintrittsraum zu verweilen und dann auf dem links abbiegenden Gang sich umschauen, ehe Sie nach rechts abbiegen. Dann nähern wir uns zuerst jenen auf meterhohen Papieren in diesem Frühsommer entstandenen Monotypien, die schwarz-weiß, grün-schwarz oder braun­schwarz, vor allem aber in vielen Braun-in Braun-Schattierungen gedruckt sind, von weit über einem halben Hundert, die existieren, werden 16 in dieser Ausstellung vorgestellt. Hinzu kommen fünf Mischtech-niken, bei denen die konkreten Schriftzeilen, überzogen von einer graublau-weißen Farbdecke wie von einem löchrigen Mantel aus Eisschnee zugedeckt im gesättigten Papierfonds schlummern; sie stammen bereits aus dem vorigen Jahr. Die früheste Aufzeichnung, eine Schwarz-Monotypie, Blatt 10, datiert von 2003. Hier setzt Eberhard Hartwig nach eigenem Bekunden auch den Beginn seiner zyklischen Arbeit an den Schriftblättern und -rollen an, von der er erstmals mit einem Wand-Tableau Kunde gab in der benachbarten Galerie am Prater.

Der Maler, Graphiker wird zum Zeichner, der anderen Einsicht in an sich selbst adressierte Briefe gestattet. Da diese Briefe inzwischen enormes Ausmaß und eine beträchtliche Dimension räumlicher Tiefe erlangt haben, übersteigt das Ergebnis die Norm von persönlichen Tagebucheinträgen. Hier ist wohl eher ein Chronist am Werke, ließe sich mutmaßen, zumal es thematisch um solche komplexen Begriffe und Vorgänge wie Kommunikation, Erinnerung, Sich-Finden, Identität geht. Eberhard hat sie, besonders in diesem Raum hier zu einem begehbaren, erlebbaren Archiv oder einer Bibliothek angeordnet. Eine künstlerische, denn Eberhards Niederschriften gehen weit übers Dokumentarische hinaus. Die erreichte Aura, das ästhetische Moment ist es, was der gebauten Form Atemluft verschafft und den Eindruck von berechnendem Kalkül und hermetischer Abgeschlossenheit von sich weist. Wandfüllende und mitten im Zimmer frei schwingende Bahnen, imaginäre Regale mit Buchstabenreihen, Schriftzeichen, die dem Raum ferner östlicher Kulturen zu entstammen scheinen. Sie befinden sich so leichtfüßig schwebend über den in regelmäßigen Abständen mit der Rohrfeder gezogenen Horizontallinien, aber mitunter streiken sie auch gegen die Fortbewegung, wenn sie in dickfarbig plumper Gestalt sich nicht vom Fleck rührend, eine Barriere bilden, die den Lesefluß stoppt.

Blatt für Blatt bzw. richtiger gesagt, Papierrolle um Papierrolle von der Decke bis zum Boden entfaltet -37,5 laufende Meter geordneter Notizen. Jedes Blatt wird zum Schauplatz, einen Grenzberührungsfeld von Sprachlosem und Sprachdeuten in verschiedenen Stufen und Modi… Empfindungen, Triebe, Vorstellungsschübe, gefüllte Affekte, negative wie positive Erwartungseffekte treten im Schreibprozeß auf und Eberhard Hartwig versucht, sie als assoziativ gestaltetes Textbild zu binden, zu graphisch arbeitenden Gruppen wachsen zu lassen, die nach einer Rückkopplung mit dem Gedankensystem des Beginns verlangen.

Eine Gebrauchsanweisung, wie diese Blätter zu lesen sind, spräche gegen ihre Eigenart und den Charakter des Umgangs mit Kunst. Die Augen können wie gewohnt von links nach rechts wandern, aber auch von oben nach unten oder von hinten nach vorn und umgekehrt. Erst wenn wir in einiger Entfernung zum Bild von der Oberfläche bis zum Grund sehen, entdecken wir helle und dunkle Zonen der Schreibflächen, Anspannung und Entspannung, rätselhaftes Dunkel, unauflösbares Dickicht, nebulös verschwommene Felder und daneben aus der Tiefe aufleuchtende scharfe Buchstabenfiguren. Permanent wird unser Sprach- und Materialbewußtsein angeregt. Papier wirkt transparent oder bleischwer, mitunter auch ledern, eine stumphe, undurchsichtige Masse.

Von nah und fern nehmen wir Eberhard Hartwigs Sprachblätter als ein ganzes optisches System wahr, das vom Blick her erfaßbar ist, sich jedoch auch in der Zeit entfaltet, wir filtern daraus sprachliche Information. Und im Übergang von der überlegten zur automatischen Niederschrift liegt auch handschriftseigener Widerspruch. Die formale Struktur der Aufzeichnung der Briefe schließt Naivität und Anmut des Handschriftlichen ebenso ein wie notwendige passive leere Stellen. Die Zeichnungen sind gesättigt schließlich auch durch den Reichtum abstrakter Details, die unsere Phantasie beflügeln und sogar meditative Momente der Annäherung einschließen können. Der Bildautor schreibt zeichnend seine Geschichte, und wir werden beim Anblick seiner Kunst nicht nur nach dieser, sondern auch nach den eigenen Geschichten suchen und fündig werden.

Man darf erstaunt sein, muß sich aber eigentlich nicht wundern, wenn es Eberhard Hartwig in dieser Ausstellung in die Geschichte der Sprache und ihrer Darstellung zurückführt. Für den gelernten und bis heute als einer der wenigen noch professionell mit dem Bleisatz praktizierenden Schriftsetzer ist es die Rückkehr zu den eigenen Ursprüngen. (Viele wissen gar nicht mehr, was das ist -Bleisatz! Wie schwer er wiegt, erfuhren Eberhards befreundete Kollegen, die ihm beim letzten Umzug seines Graphikateliers halfen, am eigenen Leibe.).

Grundsätzlich geht es in Eberhards Sprachblatt-Produktion um das Schaffen von Verständnis- aber auch Verständigungsräumen. Sein künstlerisches Prinzip dabei hat er fast lehrstückhaft in einer neuen Mappe mit Radierungen, vierzehn Ätzungen, zum Ausdruck gebracht. Wie beim ersten Schulheft der ABC-Schützen wiederholen sich Zeile für Zeile in Reihe die Umrisse einfacher Gegenstände oder geometrische Zeichenformen – Kreise, Dreiecke, vertikal ausgerichtete Streifen wie zum Sonett aufgereiht – was ist es? Das fragt der Künstler, bevor ein anderer es von ihm wissen will, lieber selbst und entzieht sich danach ebenso geschickt wie mit vollem Recht einer beschreibenden Antwort. Vielmehr gibt er der auch im Satztechnischen fabelhaft gestalteten und gedruckten Mappe einen tröstlich offenen Erich Fried-Kommentar bei. Es kommen darin Worte vor wie Unsinn und Vernunft, Unglück und Berechnung, Angst und Schmerz, Aussicht und Einsicht, Stolz, Leichtsinn und Vorsicht. Sie werden mehrfach zurückgeführt auf eine andere, immer wieder notwendig erscheinende Sprachfindung: Liebe. Auf den genauen Wortlaut darf ich an dieser Stelle verzichten; Sie können den vollständigen Text des Kann sein- Gedichts im Gang selbst in der guten, gestochen klaren Garamond lesen.

Zum Schluß meiner kleinen Einführung habe ich diese Vokabeln genannt, da es sich in meinem Verstehen um Hartwigsche Schlüsselworte seiner kryptisch (wie er selbst sagt) reflektierenden Auseinandersetzung in den alltäglichen Mühen des einfachen und so schwer zu machenden gewöhnlich ungewöhnlichen Lebens handelt; auch seinen letzten, also den jüngsten Aufzeichnungen. Ihre rhythmischen Schwingungen zeugen nicht nur von ernsthafter Entschlossenheit, Lust und Spielfreude, sie entwickeln ein Spannungsgefühl für Vernetzungen und Widersprüche, die sich nach den Gesetzen des Lebens wie den Regeln der Kunst im Prozess des Umgangs mit ihnen auflösen, bis zum Erreichen des nächsten Gefahrenpunktes.

Nutzen wir diese temporäre Bibliothek, um einzutauchen in diese nahen wie zugleich fernen Welten von Chaos und Ordnung. Die Wahrheit liegt ja meist zwischen den Polen und dieses Zwischenland (ein Niemandsland ist es jedenfalls nicht) hat Eberhard in seinen Briefen nicht nur als sehr weit und groß bemessen, er hat es auch höchst vielgestaltig ausgeschrieben, auf das der begehbare Verständnisraum, entdeckt und genutzt wird.

.                                                   Astrid Volpert, aus der Eröffnungsrede zur Vernissage am 18. August 2006 in der Galerie F92 am Teutoburger Platz


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Unter dem Titel „Aufzeichnungen II“ fasst Eberhard Hartwig die hier gezeigte Auswahl der vorrangig im Jahr 2003 entstanden Werke: Malerei, Monotypien und Radierungen. Neu und in dieser Ausstellung erstmalig präsentiert, sind seine Arbeiten in Stein, die sich in ihrer künstlerischen Sprache supplementär zur Malerei und Grafik verhalten – eine Weiterführung seiner künstlerischen Intentionen unter Verwendung neuer Materialien bedeuten.

Generell stehen Malerei und Druckgrafik bei Hartwig in wechselseitigem Bezug. Alle Arbeiten verbindet eine auf Beobachtung und Naturstudium fußende, stark reduzierte Formensprache, die von Skizzen, Erinnerungen und von frei assoziierten Formen ausgeht.

Gemeinsames gründet sich auch in der Arbeitsweise: im Schritt-und Schichthaften des Erarbeitungsprozesses, in dessen Verlauf Entscheidungen getroffen und wieder verworfen werden. Im Modus des Suchens und immer wieder Zerstörens finden mehrfach übereinander gelegte Flächen, Linien und Strukturen zu einem Konzentrat eigener Sehweise und Mitteilung. Einmal zu eigen gemachte Formengruppen werden in einer großen Reihe von Kompositionen intensiv untersucht, Wesentliches wird selektiert und wieder neu eingebunden. So dominiert beispielsweise eine raumgreifende, gewölbte Fläche — anmutend wie ein sich auftürmender Berg oder mächtiger Schiffsrumpf — nicht nur viele seiner Gemälde, sondern findet sich ebenso in seinen größeren mehrfarbigen Grafiken oder blockhaft in Stein gemeißelt wieder. Hartwigs Schaffen mit der Vorliebe für prozeßhaftes Entstehen, laborierendes Verändern, wechselndes Ausschließen und Vorantreiben bewegt sich zwischen artifizieller Erfahrung und spielerischer Freiheit. Eine Glasscheibe zerspringt beim Drucken einer Monotypie, wird wieder zusammengeschoben, mehrfach neu eingefärbt, zersplittert immer mehr — Hartwig entscheidet sich für den Zufall, integriert ihn in seine Arbeit.

Eberhard Hartwig ist gelernter Schriftsetzer, hat viele Jahre in diesem Beruf gearbeitet – Bleilettern, typographische Gesetze, der Vorgang des Druckens und die Beschaffenheit der verschiedenen Papiere sind zur Essenz geworden, aus der er schöpft und aus der heraus sich verschiedene Werkgruppen begründen:

Telefonbücher, deren Seiten in einem zeitaufwendigen Prozess ähnlich akribischer Tagebuchaufzeichnung über mehrere Jahre Zeile für Zeile bearbeitet und partiell übermalt wurden. Fragmente der ursprünglichen Typografie und Hartwigs Einzeichnungen verschmelzen hier zu neuer Bildtektonik und diese Bücher werden zu einem sehr eigenen Kommunikationsmittel.

Seine kleinformatigen Radierungen bilden eine weitere umfangreiche Kollektion. Spontan und oft auf Reisen in die Platte gekratzt, fungieren sie häufig als Skizzenvorlagen.

Parallel dazu entstehen Kollagen, deren Spannung durch den Einsatz von Zeitungsfragmenten, die Tonigkeit typografischer Grauwerte, bestimmt wird.

Ein wesentlicher Bestandteil seines Werkes ist die sehr umfangreiche Sammlung der Farbradierungen. Bei diesen aus mehreren Platten gedruckten Arbeiten — oft Unikate — nutzt Hartwig einen unerschöpflichen Fundus an Variationsmöglich­keiten.

Nicht fremd im Werk, aber doch neu in der momentanen Konzentration, sind seine kalligraphischen Kompositionen. Der Begriff der Kalligrafie ist in diesem Falle anfechtbar. Hartwig bedient das Zeilenraster einer geschriebenen Textseite, füllt es mit schriftähnlichen Strukturen bzw. Linienverkettungen und fügt mitunter Lesbares und Fragmentarisches ins Bild.

Diese geradezu „heruntergeschriebenen“ Blätter, ob mit dem Pinsel auf farbigen Gründen, in der Radierung oder der Monotypie gehorchen der Schönheit des schriftlichen Tuns und erscheinen als motorisch fließender Rhythmus. Kalkül bleibt weitestgehend ausgespart. Vielmehr zelebriert Hartwig die handwerkliche Kultur des „Aufzeichnens“.

Er übernimmt Teile des typografischen Regelwerks — Zeile, Spalte, Satz. Schrift wird von ihm jedoch nur als Inspirationsquelle genutzt. Seine assoziierten, erfundenen Zeichengefüge teilen keine sprachlichen Inhalte mit. Für den Betrachter erschließt sich vielmehr ein Stück Innerlichkeit. In Spuren Lesbares lässt einen Gedanken oder Zustand erahnen. Unsagbares drückt sich in Unlesbarem aus. Derartig verwirrende „Veruntreuung von Sprache“, oszillierend zwischen Sinn und Substanz, ist gleichsam verhängnisvoll erfinderisch, rätselhafte Codierung und musikalisches Spiel…

.                                                         Sylvia Hegewald, Rede zur Ausstellungseröffnung „Aufzeichnungen II“, Eberhard Hartwig, Malerei, Graphik, Plastik .                                                                                        am 29.01.2004 in der Galerie am Prater


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Bei Eberhard Hartwig sind es zunächst keilschriftartige Einkerbungen im Papier, die geheimnisvolle Botschaften vermuten lassen. Er transferiert Schrift und Symbole in freie grafische Formen und lineare Strukturen, wobei die entstehenden Zeichen unmittelbare Ergebnisse des grafischen Niederschreibens sind. Die Analogie mit der Schrift ist aber nur formal, denn die solcherart entstandenen Zeichen definieren ein lineares Gebilde ohne Semantik – kalIigrafische Formen der Abstraktion, die in ihrer Anschaulichkeit konkret und ihrem Verständnis nach abstrakt erscheinen. Es hat den Anschein, als antizipiere der Künstler einige Aspekte einer Schriftsprache und benutze die kalligrafische Chiffrierung, um zwischen den Zeiten und den Zeilen zu vermitteln und dabei verschiedene Sinn-ebenen anzusprechen. Seine Schriftbilder tragen, gewollt oder nicht, in der kollabierenden Flut informativer Allgemeinplätze zur subjektiven Meinungsbildung bei. Er will sichtbar machen, den Dingen auf den Grund gehen und die Wahrnehmungen in einen essentiellen Zusammenhang mit Erkenntnis stellen. Insofern handelt es sich doch um Versuche, eine universale Sprache zu entwickeln, die der um sich greifenden Sprachlosigkeit entgegen wirkt.

.                                                  Herbert Schirmer, Lieberose im Mai 2003, aus der Rede zur Ausstellungseröffnung im Städtischen Museum Eisenhüttenstadt


 

Eberhard Hartwigs graphische Denkbilder
oder: Auf dem Grat der Linie

Es war Paul Klee, der auf der Suche nach dem schwer herzustellenden Einklang zwischen Innen und Außen eines Bildes Linien „mein Ureigentum“ nannte. In seinem Tagebuch notierte er, Linie sei „Strom in die Ferne. Gedanke. Bahn. Angriff. Degen. Strich. Pfeil. Strahl. Schärfe des Messers. Gerüst. Zimmermann aller Form: Lot“.

Und ein anderer Meister seines Metiers, Arno Mohr gebrauchte zur Übersetzung des Begriffs Graphik die wohl denkbar kürzeste Formel: Linienkunst. Sie betont das Zeichnerische und ist pointiert formuliert.

Auch wenn diese Definitionen für eine hinreichende Erklärung des Faszinosums Druckgraphik gewiß nicht ausreichen, bin ich beim Durchschauen des sorgsam geordnet in einer dicken Mappe ruhenden Stapels frischer graphischer Blätter Eberhard Hartwigs sofort an sie erinnert. Denn es liegt auf der Hand, daß hier Linien als verbindendes, aber auch abgrenzendes Element dominieren. Samtig-weich heben sie sich aus dem Papiergrund hervor und bilden zu den beidseitigen Rändern hin einen scharfen Grat. Auf ihm wandern die Augen des Betrachters durch das jeweilige Blatt, aktivieren seine Gedanken.

Die visualisierte Reise führt durch von mittleren Grautönen fein abgestufte rhythmisierte Flächen, zwischen denen energetisch aufgeladen Schwarz und Weiß rivalisieren. Mitunter darf‘s auch eine andere Farbe sein, erdiges Braun zum Beispiel gehört zu Hartwigs bevorzugten Tönen. Einen ungewohnten Blickwinkel bietet die spannungsvoll hochgeklappte Perspektive, die als intelligentes Hilfsmittel unterschiedliche Bildgegenstände verknüpft. Ihrem Maß nach eher kleinen Formats, sind Hartwigs Drucke von elementarer Kraft und Gestalt. Konstruktion und Intuition bewegen sich im ausgewogenen Verhältnis.

Themen und Motive des Künstlers bleiben dabei überschaubar, unspektakulär. Ob es sich um Interieurs bzw. Landschaften der näheren Umgebung oder ferner Länder handelt, das im Bild Fixierte scheint genauer Beobachtung der Natur entlehnt und beinhaltet zugleich viel mehr als deren bloße Beschreibung sagen würde. Man muß immer mit etwas beginnen. Nachher kann man alle Spuren des Wirklichen entfernen, lautete Picassos Devise. Eberhard Hartwig verfährt ähnlich, wenn er, um des Ausdrucks willen und der Aufschlüsse, die sich daraus für unsere Seele ergeben, ausgiebig im Formalen forscht.

Befragt, warum er sich dabei seit 25 Jahren für das Medium Druckgraphik entscheidet, verweist der Künstler auf das Prozeßhafte des Gestaltungsablaufs, die Möglichkeit zu Intervention und Korrektur bis zum Schluß. Spontane Einfälle können jederzeit umgesetzt werden, auf zufällig Entstandenes läßt sich schnell reagieren. Hinzu kommt: Eberhard Hartwig kennt und nutzt, wie nur noch wenige Spezialisten es heute können, die technischen Raffinessen von Hoch- und Tiefdruck. Er reizt sie bis an die Grenzen aus, auch im Vergleich mit seiner Malerei. Die Umsetzung auf Reisen entstandener Skizzen geschieht meist zuerst auf der Platte, bevorzugt mit der kalten Nadel.

Dabei wird jeder Abzug zum Unikat. Denn in der Kunst sagt man alles am besten nur einmal und jedesmal auf die einfachste Art. Hartwig gelingt dies brillant in seinen Kaltnadelradierungen, aber auch bei Aquatinten oder Lithographien. Egal, ob toskanischen oder märkischen Ursprungs – seine sensiblen, mitunter witzigen Denkbilder kommen ohne die Maske schnell welkender modisch floskelhafter Attitüde aus. Selbst die Reminiszenzen an das Refugium der eigenen Druckwerkstatt strahlen Beweglichkeit und sinnlich erlebbare Identität aus. Und so ist wohl mit Eberhard Hartwigs Wanderungen auf dem Grat der Linie – graphisch gesehen – eben alles im Lot.

.                                                                                                                                                        Astrid Volpert, 2002, im Katalog „Eberhard Hartwig . Radierungen“


 

Monolith und Randgeschehen

Eberhard Hartwigs künstlerische Haltung ist geprägt von einer auf Beobachtung und Naturstudium fußenden, stark reduzierten Formensprache und dem damit korrespondierenden inneren Anspruch von Authentizität. Ausgehend von Skizzen, Erinnerungen und aus der Vorstellung gewonnenen Formen formiert sich Hartwigs flächig bezogene Malerei in mehrfach überlagerten Schichten zu einem codierten System landschaftlicher Reflexionen von hochgeklappter Perspektive. Weiße Flächen behaupten sich hier in klarer Trennung gegen schwarze, gefirnisste gegen matte, lasierende gegen deckende und – finden zu trügerischer Harmonie, denn diese wird durch widerstrebend-kippelige und schroff-einschneidende Linien gleichzeitig ad absurdum geführt. Zunächst geschaffene Kontraste in der Farbe mildert Hartwig durch das Überlagern mit weißer Lasur oder den Einsatz bevorzugter Grau-Braun-Töne; scharfe Kanten werden durch Überzeichnungen, Übermalungen und auch Überklebungen mit sorgsam ausgewählten Pappen und Papieren wieder unterdrückt. Gegen alle diese „Störfaktoren“ behauptet sich jedoch in den meisten Kompositionen eine blockhafte Fläche, deren farbige Turbulenzen eine Lasur kaschiert, die nur vereinzelt durch schwarze oder weiße Linien aufgerissen wird. Obwohl der Monolith kleinere Flächen aus der Bildmitte drängt, gleitet der Blick des Betrachters zunächst von der sparsamen Nuanciertheit der Hauptform ab und vertieft sich in das Randgeschehen, wo sich dunkle Partien als Raumtiefe und helle als verheißungsvolle Weite zu Bildern im Bild zusammenfinden und das Bedürfnis nach Festpunkten erfüllt wird. Gerade über diesen „Umweg“ aber – erschließt sich endlich die gedämpfte Klangfülle der großen Form.

Hartwigs Malerei atmet das schritt- und schichthafte ihres Erarbeitungsprozesses aus, in dessen Verlauf Entscheidungen getroffen und wieder verworfen werden, bis mehrfach übereinandergelegte, bearbeitete Flächen und einfache Linien zu verblüffender Dichte finden. Der Modus des Suchens und immer wieder Zerstörens ist hier bewußt gewählt, um Zufälliges zu provozieren und Erfahrung in Frage zu stellen. Die jeweils gefundenen Formengruppen werden einem intensiven Klärungsprozeß unterworfen und in einer großen Reihe von Kompositionen ausgelotet.

Die Methodik von Hartwigs Bildfindung in der Malerei ist nicht mehr zu lösen vom Experiment im graphischen Bereich. Die Möglichkeit, Zwischenschritte in kleinen Auflagen zu dokumentieren, befreit ihn hier vom Druck des Endgültigen und erleichtert ihm andererseits die stets auch als zerstörend begriffene Entscheidung in der Malerei. Oft auf Reisen entstandene, kleinformatige Kaltnadelradierungen erweisen sich – wie Skizzenvorlagen fungierend – als unerschöpfliches Reservoir für seine Arbeit in der Druckwerkstatt. Die größeren Platten basieren auf dieser „Erlebnissammlung“ und sind in ihrer endgültigen Form Hartwigs Malerei sehr verwandt.

Eberhard Hartwig zelebriert in seinen Werken nuancenreiches „Dazwischen“, das sich wie die Laune eines Moments, raum- und zeitlos als Nachricht vermittelt. Dies nicht als beabsichtigte Botschaft, sondern als Freifläche für eigene Interpretationen.

.                                                                                                                                  Sylvia Hegewald, 2002, im Katalog „Eberhard Hartwig . Malerei und Graphik“